Fast
völliges Fehlen von großen Industrieanlagen oder
Wirtschaftszentren machen die Insel traurigerweise, mit zur ärmsten
Region Italiens. Noch auf der Weltausstellung im Jahr 1900
in Paris, zur Hochblüte unserer
industriellen Revolution präsentierten sich vier sardische
Minenbetriebe als Vorbilder im modernene Bergbau. Jetzt nach
knapp 100 Jahren, stehen
übrig gebliebene Ruinen schon unter dem Schutz der UNESCO als
Weltkulturerbe. 
Durch
den wirtschaftlichen Umbruch und internationales Preisdiktat
von südamerikanischen
Konkurrenzfirmen war Rentabilität und Glanz dieser Zeit (ca.
1920 - 1960) bald vorbei, im Dutzend erfolgte die
Schließung fast aller Bergbauminen. Erste unschuldige Opfer
der sogenannten Globalisation waren
somit die Bergarbeiter mit Familien. Schlagartige Massenarbeitslosigkeit
trieb Grubenarbeiter und Angestellte der Zulieferbetriebe entweder
zu Protestdemonstrationen auf die Straße, oder meist gleich
zum Broterwerb ins nahe europäische
Ausland; Für einen Sarden im Exil ist Sardinien verlorenes
Paradies und gelobtes Land, das sich aber im gleichen Moment
wieder auflöst, wenn er mit dem Gedanken spielt, sich hier
noch einmal niederzulassen. Denn für den, der dort unten
lebt, ist der Überlebenskampf kein Paradies, und der Zauber
wird schnell von den Mühen des Alltags und den schlimmen
Familienfehden zerstört. Das Paradies existiert, solange
diese Spannung besteht zwischen zwei verschiedenen Welten und
die eine sehnsüchtig nach der anderen trachtet. Insgesamt
400000 Sarden sind bis heute zur Arbeitssuche verstreut in alle
Welt ausgewandert, doch zumindest während Sommer/Weihnachts/Osterferien
zieht es den Emigranten immer wieder in die vertraute Heimat
zurück. Übrigens
wurde in den 60´er Jahren, der erste landesweit italienische
Generalstreik in Sardinien ausgelöst.
Ökonomisch
betrachtet ist die Insel auch heute noch dem strukturschwachen "mezzogiorno"
zugerechnet (finanziell weniger starker
italienischer Süden) und durch Mittel
aus dem europäischen Regionalentwicklungsfonds
gefördert.
Anfangs großmächtig geplante staatliche Programme ("rinacita"1962) zur
Industriebelebung (Petrochemie) waren
meist nur leere Versprechungen und gingen allesamt baden.
Bedingt durch notwendigen
Fährtransport
zum Festland liegen alle Produktionskosten, ganz gleich was hergestellt
wird, vergleichsweise um 30% höher als bei den
kontinentalen Mitbewerbern auf dem Markt.
Durch abgeschiedene Insellage Sardiniens (Isolation
entstammt dem Wort "isola/Insel") und
beständig
fremde Ausbeutung, entstand im Laufe der Geschichte weitverbreitete
Verarmung und wirtschaftliche
Unterentwicklung. (Die vergessene Insel)
Gesetzt
wird nun voll auf das Zugpferd Massentourismus, wobei
die Regionalregierung bemüht ist diesen Ausbau
naturverträglich
zu gestalten. Das enorme Kapital der Investierungen
im Touristikbereich wird nur zum minimalen
Teil sardisch lokal gesteuert und zugunsten von
Arbeitsplätzen
an Einheimische und deren Einkommen ausgeschüttet.
Das Meiste an erwirtschafteten Gewinnen wandert eilends
auf das
Festland Richtung
Mailand/Turin/Rom, ist und bleibt "kontinentales" oder
gar ausländisches
Geld. Der
starke Wirtschaftszweig der Urlaubsindustrie hat
zwar alle vorübergegangenen
Inselkrisen bisher noch bestens überstanden
und verzeichnet riesige Zuwächse,
aber fehlende große Infrastrukturen zeigen
sicher bald auch dieser rasanten Entwicklung ihre
Grenzen auf. Beschränkte
Trinkwasservorkommen, marodes Leitungswassernetz,
kaum ausgebaute Verkehrsadern, fehlende Massenmüllendlagerung,
wenig Naturschutz, sind verdrängte Themen
die in Zukunft sicher aufgeworfen werden müssen.
Schnell zwei Wochen "arbeitsfrei" auf
einer Insel in erreichbarer Nähe verbringen,
wo andauernd durchschnittlich 20 % Arbeitslosigkeit
zur
Geisel der ortsansässigen Bevölkerung
geworden ist, eigentlich ein Widersinn in sich! [traurige
Zahlen aus 2005 sprechen von 93000 Arbeitssuchenden,
davon 22,6 % Jugendliche unter 24 Jahren]
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oben
|
Verschiebung
beruflicher Strukturen auf Sardinien (Beschäftigte
Personen)
|
| |
Dienstleistungssektor,
Tourismus, Handel, Banken, Staatsdienst, Versicherungen,
Medizin,
Transport, Schulen |
Verarbeitende
Betriebe, Industrie und Handwerk |
Herstellende
Firmen, Steinbrüche, Minen, Fischerei, Ackerbau, Viehzucht |
| Jahr
1891 |
16 % |
23 % |
61 % |
Jahr 1991 |
50 % |
37 % |
13 % |
Jahr 1993 |
60,8 % |
27,1 % |
12,1 % |
Jahr 1996 |
64,3 % |
24,7 % |
11 % |
|
Jahr 1999 |
68,8 % |
22,4 % |
8,8 % |
Jahr 2001 |
68,5 % |
23,1 % |
8,4 % |
Jahr 2003 |
69 % |
23,9 % |
7,1
% |
Jahr
2006 |
70,7
% |
24,9
% |
4,4
% |
| |
|
1993 |
1994 |
1995 |
1996 |
1997 |
1998 |
1999 |
2000 |
2001 |
2002 |
2003 |
2004 |
2005 |
2006 |
|
18,2 % |
19,7 % |
20,3 % |
20,0 % |
20,0 % |
20,6 % |
21,0 % |
20,7 % |
18,6 % |
19,3% |
16,9 % |
17,2 % |
13,5 % |
10,6% |
Jugendarbeitslosigkeit (Alter
16 - 24 Jahre) |
52 % |
47,1 % |
48,3 % |
43,7 % |
35,5 % |
22,6 % |
18,1% |
Schattenseite: Bedingt
durch diese schon früh einsetzende Perspektivlosigkeit
der Jugend, grassiert das Drogenproblem im Untergrund
und der große Bruder der Sucht, die Beschaffungskriminalität
nimmt seine verführten Schützlinge
fest bei der Hand. Die Anzahl der Kleinverbrecher
und Langfinger steigt, die Gefängnisse sind überfüllt.
Eine Arbeitslosenversicherung wie in Deutschland
gibt
es auf Sardinien nicht: wer arbeitslos ist, muss
selber sehen, wie er zurecht
kommt. Hier gilt die eigene Familie als Stütze, denn staatliche
Sozialhilfen sind kaum der Rede wert. Die italienischen Gesetze der
Arbeitsplatzsicherheit(Kündigungsschutz),
sind ziemlich arbeitnehmerfreundlich, was für den, der schon eine
feste Anstellung hat, natürlich von Vorteil ist. Leider hat das
aber auch die unangenehme Nebenwirkung, dass Arbeitgeber oft lieber ausgeklügelte
Saisonzeitarbeitsverträge
abschließen, die eben kein festes Angestelltenverhältnis bedeuten.
Oder schlimmer noch, Schwarzarbeit darstellen. Vor allem in den Monaten
der Sommerhochsaison
ist der Anteil an Schwarzarbeit sehr hoch, Schätzungen gehen von
30-40% aus. nach oben |