Die sardische "Lüftlmalerei" ist sicher einzigartig
in ganz Europa. Leider erwähnen fast alle Reiseführer immer
nur den Ursprungsort "Orgosolo"(Nuoro), aber in vielen
kleinen Dörfern sind bemalte Straßenzüge bei Tag und
Nacht in offener Ausstellung für jedermann kostenlos zu bewundern.
Auf Rathaus, Apotheke, Bar und Schule, verbirgt sich manch´ unentdecktes
Künstlertalent hinter den bunten Wandbildern an Mauern und Häusern. Trauen Sie
Ihren Augen nicht, der optische Eindruck täuscht meist, vieles
ist nicht so wie es auf den ersten Blick erscheint. Der Ursprung (ab
dem Jahr 1967) der seltsamen "murales" ruht auf dem stillen Protest
einheimischer Bevölkerung gegen politisch, wirtschaftlich, sozial
auferlegte Zwänge. Vorlagen und Themen für Bilder waren durch die rauhe sardische Wirklichkeit
genug gegeben (Arbeitslosigkeit, Ausbeutung, Forderung nach totaler
Unabhängigkeit, Natoherrschaft, etc. etc.); Übergroß an kalkweißen
Hausfassaden wurde Tag und Nacht mit einfachen Techniken, eine neue
ausdrucksvolle Sprache in Malerei gefaßt. Keine
billigen Schmierereien von Schülern sondern demonstrative Schreie
sardischer Ohnmacht, in leuchtend bunten Farben festgehalten. Den großflächigen
Muritäten sind meistens begleitende Texte zugegeben, häufig Texte in
sardischer Sprache. Ein fremder Betrachter, auch der Kontinentalitaliener,
bleibt vom totalen Verständnis dieser politischen Comics ausgeschlossen,
ihm bleibt nur die eigene Interpretation.
 Widerstand
gegen diese Bilder gab es damals genug, manch korrumpierter Politiker
hätte
sie am liebsten eigenhändig von den Wänden gekratzt,
aber dann hätte sich der Protest nur noch verstärkt.
Heute haben die Gemeinden aus dem einst schweigendem Aufbegehren
eine Modeerscheinung oder gewinnbringende
Sehenswürdigkeit für Touristen gemacht! Aus ganz Europa
reisen eifrige Kunststudenten an, um sich ebenfalls in irgend einem
Bergdorf mit total fremden Ideen
zu verewigen; Publikumswirksame Bilder sind zu Werbeträgern
umgestaltet, werden erneuert, integriert, oder erweitert. Weniger
attraktive Malereien
dagegen verbleichen und sind dem Verfall preisgegeben.
Schon sind zahlreiche Broschüren im Verkauf, in denen die
geschäftstüchtigen
Maler ihre Bilder für Touristen "erkären".
Gewollt oder ungewollt wurde dadurch die ursprünglich aufrührerische
Botschaft der Orginalzeichnungen inflationiert, entzaubert und damit
unwirksam. nach
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